{"id":2867,"date":"2023-04-11T17:36:17","date_gmt":"2023-04-11T15:36:17","guid":{"rendered":"https:\/\/comedordelarte.at\/?p=2867"},"modified":"2023-04-11T17:41:55","modified_gmt":"2023-04-11T15:41:55","slug":"deutsch-die-spuerst-du-nicht-eine-buchempfehlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/blog\/deutsch-die-spuerst-du-nicht-eine-buchempfehlung\/","title":{"rendered":"Die sp\u00fcrst du nicht \u2013 eine Buchempfehlung"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eWer einen gut geschriebenen Roman lesen will, der durch die schiere Kraft der Idee, die dahinter steht, vorangetrieben wird, wird von Glattauer gut bedient. Wer als Leser, Leserin aber nachsp\u00fcren will, was der Tod des M\u00e4dchens Aayna bei denen, die ihn erleben, verantworten, ertragen m\u00fcssen, ausl\u00f6st; oder wer ann\u00e4hernd sp\u00fcren will, was Flucht in eine Gesellschaft bedeutet, die letztlich herzlich desinteressiert ist an den Opfern, die sie produziert, wird das Buch mit einem Gef\u00fchl der inneren Leere zuschlagen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aus Cathrin Kahlweit: <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/kultur\/daniel-glattauer-roman-die-spuerst-du-nicht-1.5773179?source=rss&amp;sc_src=email_3485738&amp;sc_lid=336394656&amp;sc_uid=LZGh13J7fj&amp;sc_llid=25032&amp;utm_medium=email&amp;utm_source=emarsys&amp;utm_content=www.sueddeutsche.de%2Fkultur%2Fdaniel-glattauer-roman-die-spuerst-du-nicht-1.5773179%3Fsource%3Drss&amp;utm_campaign=SZ_Oesterreich_240323_NEU&amp;sc_eh=77be1fc4cca47e4b1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Daniel Glattauer &#8222;Die sp\u00fcrst du nicht&#8220;: Ende gut, gar nichts gut<\/a><br \/>\nS\u00fcddeutsche online 24.3.2023<\/p>\n<h3>Ich habe in der S\u00fcddeutschen-online eine Kritik des neuen Buches von Daniel Glattauer gelesen. Die oben zitierte Textstelle ermunterte mich, Widerspruch zu formulieren.<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/comedordelarte.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Glattauer_Cover.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  wp-image-2870\" src=\"https:\/\/comedordelarte.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Glattauer_Cover-183x300.png\" alt=\"\" width=\"113\" height=\"185\" srcset=\"https:\/\/comedordelarte.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Glattauer_Cover-183x300.png 183w, https:\/\/comedordelarte.at\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Glattauer_Cover.png 518w\" sizes=\"auto, (max-width: 113px) 100vw, 113px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Cathrin Kahlweit meint in ihrer SZ-Buchrezension, dass jene, die zum Fluchthema ernsthaft hinsp\u00fcren m\u00f6chten \u201emit dem Gef\u00fchl einer inneren Leere\u201c zur\u00fcckbleiben. Innere Leere? Der Ausdruck hat mich elektrisiert, weil ich nach der Lekt\u00fcre von \u201eDie sp\u00fcrst du nicht\u201c so voller Emotion war, also ganz das Gegenteil eines Gef\u00fchls von innerer Leere versp\u00fcrte. Aber vielleicht hat der Autor bei mir einfach etwas ge\u00f6ffnet, alleine durch \u201edie schiere Kraft der Idee, die dahinter steht\u201c (siehe Zitat oben). Ich meine also, es war f\u00fcr mich gar nicht n\u00f6tig, die einzelnen Figuren und ihre Emotionen so genau auszuformulieren. Und ich frage mich, ob dieser Anspruch nicht \u00fcberhaupt zu hoch gegriffen ist?<\/p>\n<p>Obwohl ja, ich gebe es zu. Als ich das Buch am Ladentisch sah, hatte ich meine Vorbehalte. Ich war auch ein gro\u00dfer Fan von &#8222;Gut gegen Nordwind&#8220; gewesen und von den Nachfolgewerken etwas entt\u00e4uscht. Und \u00fcberhaupt, die werbenden Keywords f\u00fcr das Buch lie\u00dfen mich zweifeln. Bobofamilie trifft auf somalische Fl\u00fcchtlinge. Ich kann damit nicht soviel anfangen. Ich kenne so viele Menschen in der Helfer:innenzene f\u00fcr gefl\u00fcchtete Menschen, die so gar keine Bobos sind. Und \u00fcberhaupt, diese dauernden Schubladisierungen nerven einfach. Da wir aber seit 2016 ein Haus in Hainfeld betreiben, wo sich \u201eHiesige und Zuagroaste\u201c treffen k\u00f6nnen und ich \u00fcberdies in einem Fl\u00fcchlingsquartier in der N\u00e4he Deutsch unterrichte, dachte ich mir, das Buch ist f\u00fcr mich quasi eine Pflichtlekt\u00fcre, also nimm es zur Hand!<\/p>\n<p>Meine Skepsis schlug schon nach wenigen Seiten in Begeisterung um. Es brauchte nur einen Samstagabend und ein l\u00e4ngeres Sonntagsfr\u00fchst\u00fcck, bis ich bei den letzten Seiten angelangt war. Der spannende abschlie\u00dfende Dreh, dass zum Schluss die Geschichte der somalischen Familie erz\u00e4hlt wird, und zwar nicht nur den Protagonist:innen des Romans, sondern auch den Leser:innen, also mir, begeisterte mich. Das flotte Buch eines Erfolgsautors als ein Forum f\u00fcr ein Thema n\u00fctzen, um das sich alle herumdr\u00fccken \u2013 Politiker:innen, aber auch Menschen, die man pers\u00f6nlich kennt. Und sicher nicht nur Bobos \u2026<\/p>\n<p>Ich habe das Buch zugeschlagen und begann sofort zu recherchieren. \u00dcber den Autor und dass er selbst somalische Jugendliche begleitet habe, und vor allem \u00fcber Somalia selbst. Warum suche ich regelm\u00e4\u00dfig nach Nachrichten \u00fcber die Ukraine, Afghanistan oder den Iran, ja sogar \u00fcber Venezuela, denn auch aus Venezuela fl\u00fcchten Menschen nach \u00d6sterreich, warum aber noch nie \u00fcber Somalia? Ich hatte etwas \u00fcbersehen, und es war nicht nur ein Thema, sondern vor allem eine Gruppe Mitmenschen.<\/p>\n<p>Das n\u00e4chste Mal im Deutschkurs sp\u00fcrte ich, wie ich dem jungen Mann aus Somalia etwas n\u00e4her war also sonst. Ein junger Mann mit einem h\u00fcbschen Lockenkopf, der zwar etwas Englisch spricht, aber trotzdem so offensichtlich verloren und ungl\u00fccklich wirkt. Ich war m\u00fctterlicher, liebevoller als davor. Es war, als h\u00e4tte sich bei mir eine innere Blockade gel\u00f6st. Geschuldet war dieser Wandel meiner Wochenendlekt\u00fcre.<\/p>\n<p><strong>Der Vorwurf der Leere<\/strong><\/p>\n<p>Noch ein paar Gedanken zum Vorwurf der Leere, den Cathrin Kahlweit in der SZ aufwirft. Ja, geht es nicht gerade um diese Leere? Ich finde nicht, dass die vom Autor eingebauten Kommentare aus Internetforen und Pressemitteilungen ablenken und nichts bringen. Im Gegenteil \u2013 so ist doch unsere Welt. Das ist ja das, was kaum auszuhalten ist. Wobei die Kommentare, die Daniel Glattauer erfindet, noch relativ ertr\u00e4glich sind gegen das, was das Netz in Wirklichkeit hergibt. Ist das Problem nicht gerade die Tatsache, dass dauernd Leute kommentieren, die nichts sp\u00fcren, die leer sind, weil ihnen die Erfahrung, der direkte Kontakt zu den Gefl\u00fcchteten fehlt? Sie reden \u00fcber sie, aber nicht mit ihnen. Trotzdem lesen wir diese \u00c4u\u00dferungen, diese hingepatzten Meinungen, als w\u00fcrden sie uns doch einen Strohhalm zum besseren Weltverst\u00e4ndnis liefern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber auch helfende Menschen sind jenen, denen sie helfen m\u00f6chten, nicht zwingend nah, die gute Absicht kann die Leere nicht immer auff\u00fcllen. Da wechseln sich Momente voll von Dankbarkeit mit Augenblicken, die Missverst\u00e4ndnisse und Angestrengtheit signalisieren. Wir suchen nach W\u00f6rtern, die wir uns m\u00fchsam im Deutschkurs gemeinsam erarbeiten, um Br\u00fccken zu bauen \u2013 \u00fcber die gro\u00dfe Leere, die uns trennt. Scheinbar, weil wir unterschiedlichen Sprachen sprechen, aber auch weil unsere Geschichten und Emotionen einfach zu kompliziert sind.<\/p>\n<p>Und was ist mit der Leere durch tragische Traumatisierungen bei den Betroffenen selbst? Erlebnisse, die verdr\u00e4ngt werden, weil man sonst einfach nicht weiterleben kann? Sich nicht zu sp\u00fcren, was bedeutet das f\u00fcr Menschen mit einer Fluchtbiographie? Was bedeutet es zB f\u00fcr Ukrainerinnen, die hier bei uns versuchen ein normales Leben zu f\u00fchren und mich tapfer anl\u00e4cheln \u2013 was sp\u00fcren sie in diesem Wahnsinn? Besser leer als zu viel Emotion? Manchmal ist das schlicht der einzige Weg durchzuhalten. Auch f\u00fcr mich.<\/p>\n<p><strong>Der Begriff Gutmensch<\/strong><\/p>\n<p>Cathrin Calweit schreibt in der SZ; \u201e&#8230;. ; bisweilen scheint es fast, als wollte er die Sentenz von den &#8222;Gutmenschen&#8220; in ihrer ganzen Plattheit beweisen.\u201c Ehrlich, ich kann den Begriff Gutmenschen schon nicht mehr h\u00f6ren bzw. lesen, er hat etwas schleichend Abwertendes in sich, ist irgendwie toxisch. F\u00fcr mich sind die Figuren auch nicht so platt, sie sind eher hilflos. Ich finde es auch irref\u00fchrend, gerade diese Figuren als Gutmenschen zu bezeichnen. Sie sind doch eher zuf\u00e4llig in die Sachen hineingestolpert, durch die Tochter, die ihre Freundin in den Urlaub mitnehmen wollte. Na gut, die Mutter beschreibt Daniel Glattauer als Gr\u00fcnpolitikerin in Wien. Aber es k\u00f6nnte genausogut einem FP\u00d6-Funktion\u00e4r auf dem Land passieren, dass sich seine Tochter mit einem gleichaltrigen M\u00e4dchen aus zB Afghanistan anfreundet. Kinder sind bekanntlich Integrationsweltmeister:innen und scheren sich gl\u00fccklicherweise nicht zwingend um die Parteizugeh\u00f6rigkeit ihrer Eltern. Und auch die Figur des seltsamen Anwalts aus K\u00e4rnten, dessen Ansichten anfangs eher als migrationsfeindlich beschrieben werden, der dann aber durch Zufall mit der somalischen Familie in Kontakt kommt und sich f\u00fcr diese einsetzt, erz\u00e4hlt ja genau davon. Vom Zufall, der einen Gutes tun l\u00e4sst und nicht von der Kraft einer verinnerlichten moralischen \u00dcberzeugung.<\/p>\n<p>Daniel Glattauer arbeitet das Thema und die Figuren flott ab. Trotzdem gelingt es ihm, eine gro\u00dfe Frage in den Raum zu stellen: Was passiert, wenn wir uns darauf einlassen, Menschen mit einer Fluchtbiographie, die \u00fcberdies noch aus einem uns fremden Kulturkreis stammen, zu begleiten? Was passiert also, wenn wir uns engagieren wollen? Ich finde, alleine diese Frage zu stellen, ist wichtig. Denn dass es nicht einfach ist, m\u00f6chte uns der Autor gar nicht erst vorgaukeln. Das darauffolgende Drama ist f\u00fcr den Roman offensichtlich n\u00fctzlich, macht die Situation verzwickt und den Text erst so richtig spannend.<\/p>\n<p>Das Leben braucht solche Dramen hoffentlich in den meisten F\u00e4llen nicht. Was mir also ein wenig fehlt, ist zu erz\u00e4hlen, dass sich Engagement trotzdem lohnt. Diese Geschichte sollte nicht abschreckend wirken, sondern ganz im Gegenteil Neugier wecken. Trotz der Ratlosigkeit, trotz des Gef\u00fchls des immer wieder Getrenntseins, trotz der vielen Missverst\u00e4ndnisse. Es lohnt jeder Versuch, mehr \u00fcber die Geschichten der Menschen zu erfahren oder \u2013 \u00a0noch besser \u2013 mit ihnen in pers\u00f6nlichen Kontakt zu kommen. Um sie dann irgendwann vielleicht auch auf eine Woche Urlaub einzuladen. Mein Lebensgef\u00e4hrte und ich haben \u00fcbrigens letzten Herbst einen jungen Mann aus Afghanistan auf eine Kurzreise nach Hamburg mitgenommen. Wir hatten viel Spa\u00df zusammen. Ganz ohne Drama.<\/p>\n<p>Daniel Glattauer n\u00fctzt seine Popularit\u00e4t, um auf ein unpopul\u00e4res Thema hinzuweisen. Alleine daf\u00fcr geb\u00fchrt ihm in Zeiten wie diesen Respekt.<\/p> ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWer einen gut geschriebenen Roman lesen will, der durch die schiere Kraft der Idee, die dahinter steht, vorangetrieben wird, wird von Glattauer gut bedient. Wer als Leser, Leserin aber nachsp\u00fcren will, was der Tod des M\u00e4dchens Aayna bei denen, die ihn erleben, verantworten, ertragen m\u00fcssen, ausl\u00f6st; oder wer ann\u00e4hernd sp\u00fcren will, was Flucht in eine &hellip; <a href=\"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/blog\/deutsch-die-spuerst-du-nicht-eine-buchempfehlung\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Die sp\u00fcrst du nicht \u2013 eine Buchempfehlung<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[252],"class_list":["post-2867","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blog","tag-glattauer"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2867","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2867"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2867\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2871,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2867\/revisions\/2871"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2867"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2867"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2867"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}