{"id":3109,"date":"2024-02-04T20:25:08","date_gmt":"2024-02-04T19:25:08","guid":{"rendered":"https:\/\/comedordelarte.at\/?p=3109"},"modified":"2024-02-04T20:25:08","modified_gmt":"2024-02-04T19:25:08","slug":"deutsch-gut-gemeint-aber-irgendwie-trotzdem-herzlos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/blog\/deutsch-gut-gemeint-aber-irgendwie-trotzdem-herzlos\/","title":{"rendered":"Gut gemeint, aber irgendwie trotzdem herzlos."},"content":{"rendered":"<p><strong>In der Tageszeitung Der Standard vom 5. &#8211; 7.1.2024, ist als Kommentar der anderen auf Seite 42 folgender Artikel erschienen:<\/strong><\/p>\n<h3><strong>\u201eWie aus Chaos Chance wird\u201c<\/strong><br \/>\n<strong>Von Stephanie Krisper und Yannick Shetty<\/strong><\/h3>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.derstandard.at\/story\/3000000201870\/wie-bei-migration-und-integration-aus-chaos-chance-wird\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Der Artikel\u00a0 ist auch online nachlesbar<\/a> und hat mich zu folgendem Leserbrief angeregt:<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Ich begleite seit nunmehr zehn Jahren ehrenamtlich gefl\u00fcchtete Menschen, mit Sprachf\u00f6rderungen und diversen Kulturprojekten, die wir als Verein auf die Beine gestellt haben. Gemeinsames, zielorientiertes Tun vermittelt unsere Werte am wirksamsten, f\u00f6rdert Sprachkompetenz und den vielzitierten Integrationsprozess. Ich kann mich daher mit dem Satz \u201eEs ist Zeit f\u00fcr professionelle und kompetente Sachpolitik.\u201c gut identifizieren. Auch der Ansatz \u201edass man das Individuum sieht, jeden Menschen nur nach seinem eigenen Handeln beurteilt.\u201c Und nat\u00fcrlich bin ich auch f\u00fcr Deutsch- und Wertekurse \u201eab Tag eins\u201c. Die derzeitigen Verordnungen diskriminieren einzelne Nationen, so wird zB Personen aus Afghanistan und Somalia w\u00e4hrend ihres laufenden Verfahrens, das ja auch mal l\u00e4nger als ein Jahr dauern kann, keine Deutschkursf\u00f6rderung zugestanden. F\u00fcr mich v\u00f6llig unverst\u00e4ndlich, denn wenn man Asylsuchende individuell betrachtet, gibt es aus allen L\u00e4ndern bildungsferne und sprachlich hochbegabte Menschen. Ich schenke immer wieder Personen aus Afghanistan, denen ich zutraue, es alleine zu schaffen, neue A1-B\u00fccher. Aber es braucht schon sehr viel eigene Antriebskraft, Strukturiertheit und Selbstlernkompetenz, um so Deutsch zu lernen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich bin ich auch f\u00fcr eine \u00d6ffnung des Arbeitsmarktes, zB wie in Deutschland in einem Stufensystem, fr\u00fchestens nach drei bis sp\u00e4testens f\u00fcr alle nach neun Monaten, denn nichts wollen die Menschen lieber als rasch auf eigenen F\u00fc\u00dfen stehen, so wie sie es aus ihren Herkunftsl\u00e4ndern ohne Pr\u00e4dikat Sozialstaat ohnehin gewohnt sind. Und Menschen brauchen eine Perspektive.<\/p>\n<p>In diesem Absatz des Artikels befremdet mich allerdings ein Satz der beiden Experten f\u00fcr Asyl, Migration und Integration: \u201eDer Zugang zum Arbeitsmarkt wird ge\u00f6ffnet, das verhindert ein Abdriften in Kriminalit\u00e4t oder Radikalisierung.\u201c Entweder Kriminalit\u00e4t oder Radikalisierung, ist das alternativlos? Welche Feindbilder, von denen man sich doch zu distanzieren meint, werden damit insinuiert? Gibt es daf\u00fcr wirklich seri\u00f6se, statistische Belege? Aus meiner pers\u00f6nlichen Erfahrung sind das jedenfalls nicht die zwei gravierendsten Folgen eines verunm\u00f6glichten Arbeitsmarktzugangs f\u00fcr gerade erst in \u00d6sterreich angekommene Personen. Da fehlen doch zwei wichtigere Argumente, die auch volkswirtschaftlich relevant sind, weil sie uns mit Kosten bzw. mangelnden Einnahmen belasten.<\/p>\n<p>Erstens suchen sich die Menschen illegale Arbeit, sofern sie ihnen geboten wird, womit dem Staate Steuereinnahmen entgehen und somit auch f\u00fcr Zugewanderte das System Pfusch zum Normalzustand wird. Und Betroffenen sind immer wieder systematischer Ausbeutung ausgesetzt. Ich denke allerdings nicht, dass die Autoren dieses Ph\u00e4nomen mit der von ihnen angesprochenen Kriminalit\u00e4t meinten, denn sonst w\u00fcrden sie ja im Umkehrschluss auch alle \u00d6sterreicher\/innen, die pfuschen, und deren \u00f6sterreichische Auftraggeber\/innen als Kriminelle bezeichnen. Und das ist doch politisch heikel.<\/p>\n<p>Pers\u00f6nlich, und damit komme ich zum zweiten, erlebe ich aber vor allem eine andere Folge der Unt\u00e4tigkeit: Depression. Es ist wirklich ein Jammer, wenn Menschen, die nach einer anstrengenden, gef\u00e4hrlichen Flucht nach \u00d6sterreich kommen, und entsprechend viel Adrenalin in sich gebunkert haben, danach abrupt zur Unt\u00e4tigkeit verdammt werden, im schlechtesten Fall fernab der Stadt in Abgeschiedenheit. Das unt\u00e4tige Warten f\u00fchrt zu Gedankengr\u00fcblereien, ungew\u00f6hnlicher M\u00fcdigkeit untertags, Schlafst\u00f6rungen in der Nacht, diffusen Kopfschmerzen, Konzentrationsmangel bis hin zu Depression. Auch krankhafte Essst\u00f6rungen k\u00f6nnen eine Folge von zu lang andauernden Verfahren sein. F\u00fcr die Allgemeinheit entstehen Kosten durch Arztbesuche und Medikamente. Gut, dass es diese M\u00f6glichkeiten gibt, aber schlimm, wenn sie vermeidbar gewesen w\u00e4ren. Die Menschen verlieren den Elan der ersten Monate, stumpfen ab und verstehen oft selbst nicht, was mit ihrer Psyche passiert.<\/p>\n<p>Wenn wir gefl\u00fcchtete Menschen fair und wertsch\u00e4tzend behandeln, und nicht a priori als Kriminelle und Sozialschmarotzer verd\u00e4chtigen, w\u00e4re es volkswirtschaftlich f\u00fcr alle ein Gewinn. Das meine ich \u2013 nicht aus Naivit\u00e4t, sondern aus meiner pers\u00f6nlichen Erfahrung.<\/p>\n<p>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen,<\/p>\n<p>Alexandra Eichenauer-Knoll<br \/>\nObfrau Verein Herzverstand, Hainfeld<\/p> ","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Tageszeitung Der Standard vom 5. &#8211; 7.1.2024, ist als Kommentar der anderen auf Seite 42 folgender Artikel erschienen: \u201eWie aus Chaos Chance wird\u201c Von Stephanie Krisper und Yannick Shetty Der Artikel\u00a0 ist auch online nachlesbar und hat mich zu folgendem Leserbrief angeregt: Ich begleite seit nunmehr zehn Jahren ehrenamtlich gefl\u00fcchtete Menschen, mit Sprachf\u00f6rderungen &hellip; <a href=\"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/blog\/deutsch-gut-gemeint-aber-irgendwie-trotzdem-herzlos\/\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">Gut gemeint, aber irgendwie trotzdem herzlos.<\/span> weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"tags":[265,264],"class_list":["post-3109","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blog","tag-arbeitsverbot","tag-migration"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3109","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=3109"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3109\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3110,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/3109\/revisions\/3110"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=3109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=3109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/comedordelarte.at\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=3109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}